JoinPolitics logo
BewerbenSpenden

Die Gamechanger

In Ministerien gibt es kaum People of Color. Das Netzwerk DIVERSITRY will das ändern – und ist überzeugt, dass nur Sichtbarkeit Teilhabe schafft.

Auf die Idee, ihr könne nicht die ganze Welt offen stehen, kam Tiaji Sio lange nicht. Geboren und aufgewachsen in Frankfurt/Main sei es für sie immer selbstverständlich gewesen, von Menschen verschiedener Hautfarben und Kulturen umgeben zu sein, erinnert sich die 24-Jährige. „Das war eine Selbstverständlichkeit.“

Zweifel daran kamen ihr erst deutlich später. Konkret: mit dem Eintritt in den diplomatischen Dienst. Als junge schwarze Frau war sie dort auf einmal eine Ausnahme. „Das hat mich extrem überrascht. Ich hatte eigentlich immer gedacht, dass Diversität gerade in einem Bereich, in dem es so international zugeht, eine Selbstverständlichkeit wäre.“ Das aber sei nicht der Fall.

Dass schwarze Menschen oder People of Color Deutschland im Ausland vertreten, sei immer noch eine Ausnahme. Zwar sei die deutsche Gesellschaft vielfältig und divers, in der Verwaltung aber spiegele sich das nicht.

Tiaji gründete mit anderen das Netzwerk DIVERSITRY. Die Idee dahinter: In der deutschen Verwaltung soll die Vielfalt der Gesellschaft wirklich sichtbar werden.

Tiaji gründete mit anderen das Netzwerk DIVERSITRY. Die Idee dahinter: In der deutschen Verwaltung soll die Vielfalt der Gesellschaft wirklich sichtbar werden.

Die 24-Jährige arbeitet für das Auswärtige Amt. Im Moment ist sie für mehrere Monate in der deutschen Botschaft in Vietnam tätig. Parallel dazu studiert sie.

Die 24-Jährige arbeitet für das Auswärtige Amt. Im Moment ist sie für mehrere Monate in der deutschen Botschaft in Vietnam tätig. Parallel dazu studiert sie.

Mit dem Eintritt in den diplomatischen Dienst wurde Tiaji bewusst, dass sie dort als junge schwarze Frau eine Ausnahme ist. Das habe sie extrem überrascht.

Mit dem Eintritt in den diplomatischen Dienst wurde Tiaji bewusst, dass sie dort als junge schwarze Frau eine Ausnahme ist. Das habe sie extrem überrascht.

Tiaji will das ändern und hat dafür ein Netzwerk aufgebaut. Gemeinsam mit Freund*innen und Kolleg*innen hat die junge Frau, die im Moment in der deutschen Botschaft in Vietnam arbeitet und parallel den Studiengang International Development an der University of Edinburgh absolviert, das Netzwerk DIVERSITRY aufgebaut.

Dessen Ziel: In der deutschen Verwaltung soll die Vielfalt der Gesellschaft wirklich sichtbar werden. Fabian Koenig, der das Netzwerk mitgegründet hat und es derzeit hauptamtlich mit Diba Mirzaei koordiniert, formuliert den Wunsch des Teams: „Wir wollen in dem Feld mindestens so modern werden wie Kanada!“ Denn dort ist Vielfältigkeit längst ein Teil der staatlichen Identität.

Pluralismus wird in dem Staat, in dem ein Fünftel der Einwohner*innen in einem anderen Land geboren wurde und insgesamt 200 Sprachen gesprochen werden, wirklich gelebt. Die Kanadische Charta der Rechte und Freiheiten schreibt den Schutz von Minderheitsrechten und die Zweisprachigkeit fest und es existiert eine selbstverständliche Politik des Multikulturalismus.

Fabian König gehört zu den Mitbegründern von DIVERSITRY.
Mitgründerin und Koordinatorin bei DIVERSITRY: Diba Mirzaei.

Um diesen Weg auch in Deutschland beschreiten zu können, hat DIVERSITRY sich an die Arbeit gemacht. Das Team kann dabei auf die Erfahrungen von Diplomats of Color zurückgreifen, ein Netzwerk, das Tiaji 2019 mit Kolleg*innen im Auswärtigen Amt gegründet hat und das innerhalb kürzester Zeit 150 Mitglieder gewinnen konnte. DIVERSITRY beschreibt sich selbst als „ministeriumsübergreifendes BIPoC-Netzwerk, das bestehende ministerielle Netzwerke vernetzt und bei der Gründung neuer Netzwerke unterstützt“.

Diba, die das Netzwerk mitgegründet hat, sagt, es sei das Ziel der Gruppe, zu einem stärkeren Bewusstsein und konkreten Maßnahmen für Diversität in der Bundesverwaltung beizutragen: „Politik und Verwaltung sollen ein Abbild unserer vielfältigen Gesellschaft werden.“ Um das zu erreichen, bringt das Team einerseits Menschen mit Diskriminierungserfahrungen zusammen und organisiert andererseits – im Moment hauptsächlich digitale – Veranstaltungen zu den Themen Diversität und Inklusion.

Analog kommen die Mitglieder aktuell nur selten zusammen.

Mit dieser Strategie haben schon die Diplomats of Color gute Erfahrungen gemacht – und nach eigener Zählung in mehr als zehn digitalen Veranstaltungen mehr als 1000 Menschen erreicht. Eingeladen haben sie dazu Expert*innen aus Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft, zuletzt Janina Kugel, Aminata Touré, Tupoka Ogette und Pa Sinyan. Das Konzept will DIVERSITRY nun, auch mit Hilfe der Förderung durch JoinPolitics, auf andere Ministerien übertragen.

Das Gefühl, dazuzugehören

Das Team rund um Tiaji, das diesen Prozess vorantreibt, kommt dabei selten analog zusammen. Dass es an diesem Frühlingstag im Auswärtigen Amt in Berlin wenigstens einem Teil der Gruppe dennoch gelingt, sorgt sichtlich für Freude. „Dass wir wirklich an einem Tisch miteinander sitzen und reden, passiert kaum“, sagt Tiaji, die selbst am nächsten Tag wieder nach Vietnam aufbrechen wird, „zum Glück gelingt die Abstimmung online auch sehr gut“.

Die Initiator*innen des Netzwerkes wissen um die fehlende Diversität in Deutschlands Behörden – meist aus eigener Erfahrung: (v.l.n.r.) Diba, Fabian, Tiaji und Marcel.

Die Initiator*innen des Netzwerkes wissen um die fehlende Diversität in Deutschlands Behörden – meist aus eigener Erfahrung: (v.l.n.r.) Diba, Fabian, Tiaji und Marcel.

Das Team kann auf Erfahrungen von Diplomats of Color zurückgreifen – ein Netzwerk, das Tiaji 2019 mit Kolleg*innen im Auswärtigen Amt gegründet hat.

Das Team kann auf Erfahrungen von Diplomats of Color zurückgreifen – ein Netzwerk, das Tiaji 2019 mit Kolleg*innen im Auswärtigen Amt gegründet hat.

Das Team rund um DIVERSITRY beschreibt sich selbst als „ministeriumsübergreifendes BIPoC-Netzwerk“, das bestehende ministerielle Netzwerke vernetzt.

Das Team rund um DIVERSITRY beschreibt sich selbst als „ministeriumsübergreifendes BIPoC-Netzwerk“, das bestehende ministerielle Netzwerke vernetzt.

Doch das direkte Gespräch ist die Möglichkeit zum Austausch über Themen, die sonst zu kurz kommen – wie etwa die Frage, ob sich alle Teammitglieder wirklich ganz selbstverständlich als Deutsche bezeichnen. Eine Selbstverständlichkeit für Tiaji, aber nicht für alle anderen.

Er habe sich „das erkämpft“, sagt Mitgründer Marcel-Baptist Humuza, bis dahin sei es ein steiniger Weg gewesen. Zu viel Rassismus und Ausgrenzung habe er während seiner Jugend erfahren, als dass sich das Gefühl habe einstellen können, wirklich dazuzugehören. Auch Diba sagt, sie habe viele Jahre gebraucht, bis sie sich wirklich selbst als Deutsche habe verorten können. Die 29-jährige sagt, sie könne die Frage, ob sie Deutsche sei, erst seit fünf Jahren wirklich bejahen. „In der Schule gab es immer die Trennung zwischen ,uns’ und ,den Deutschen’.“

Dabei blicken die Menschen des Teams durchaus auf ganz unterschiedliche Erfahrungen zurück. Für sie habe die Frage nie eine Rolle gespielt, erzählt Tiaji, in eine Sonderrolle habe sie erst der Weg in den diplomatischen Dienst gebracht. „Es ist ein seltsames Gefühl, wenn du dann auf einmal in einer Umgebung arbeitest, in der es kaum andere Menschen wie dich gibt.“

Repräsentation und Sichtbarkeit aber seien immens wichtig, gerade dann, wenn junge Menschen eine Entscheidung über ihren künftigen Beruf treffen müssten. „Es gibt diesen Spruch ,You can’t be what you can’t see“, sagt Tiaji, „und ich glaube, das ist eine Tatsache.“ Viele People of Color und Deutsche mit Migrationshintergrund hätten Ministerien als potentielle Arbeitgeberinnen überhaupt nicht auf dem Schirm, „die scheinen als Option für sie nicht zu existieren. Wie auch, wenn sie keine Menschen mit Migrationshintergrund kennen, die dort arbeiten?“

Eine Quote? So weit sind sie noch nicht

Die wenigen Studien, die es dazu gibt, belegen diesen Eindruck: Eine 2020 veröffentlichte Befragung des Instituts für Bevölkerungsforschung (BIB), die von der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration in Auftrag gegeben wurde, ergab, dass 12 Prozent aller Mitarbeitenden in der Bundesverwaltung einen Migrationshintergrund hatten. Tatsächlich, so die Forscher*innen, ist die Zahl wohl noch geringer, weil Angestellte mit Migrationshintergrund häufiger an der Umfrage teilgenommen hätten als solche ohne. Der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund an der Gesamtbevölkerung aber liegt bei 26 Prozent. Menschen aus Einwandererfamilien, so das Fazit der Befragung, seien in der Bundesverwaltung unterrepräsentiert. Je nach Behörde oder Ministerium ist ihr Anteil sehr unterschiedlich: Dieser Anteil reicht nämlich von lediglich 4,0 bis zu 24,5 Prozent. Und überall ist das gleiche Muster zu beobachten: Je höher in die hierarchischen Strukturen man schaut, desto geringer ist der Anteil von BIPoC.

Zuspruch – und Gegenwind

Spräche all das nicht für eine Quote in den Ministerien? Eigentlich schon, finden die Macher*innen von DIVERSITRY, aber Veränderung könne nicht durchgepeitscht werden. „So weit sind wir einfach noch nicht“, sagt Fabian, „Heute geht es viel stärker darum, wie eine moderne Diversitätspolitik auszusehen hat.“ Im Moment bemühe sich das Team hauptsächlich darum, mehr Verbündete zu gewinnen und möglichst viele Menschen für das Thema zu sensibilisieren.

Sie seien sehr dankbar dafür, dass das Interesse in der Führungsetage des Auswärtigen Amtes für die Initiative groß sei, sagt Diba für die Gruppe. „In der jungen Generation wird die Diskussion um Rassismus und strukturelle Benachteiligung inzwischen viel offener geführt. Aber wir müssen auch die Älteren mitnehmen und die, für die das Thema bisher keine Priorität hatte.“

Für ihr Vorhaben gibt es viel Unterstützung, nicht nur durch Außenminister Heiko Maas (SPD). Tiaji wurde als Initiatorin der Diplomats of Color für den Digital Female Leader Award 2021 nominiert und kam auf die Forbes-Liste 30 unter 30.

Ob sich alle Mitglieder des Netzwerkes ganz selbstverständlich als Deutsche bezeichnen? Tiaji schon, bei den anderen aber sei das nicht so eindeutig gewesen.

Ob sich alle Mitglieder des Netzwerkes ganz selbstverständlich als Deutsche bezeichnen? Tiaji schon, bei den anderen aber sei das nicht so eindeutig gewesen.

Viele People of Color und Deutsche mit Migrationshintergrund hätten Ministerien als potentielle Arbeitgeberinnen überhaupt nicht auf dem Schirm, weiß Tiaji.

Viele People of Color und Deutsche mit Migrationshintergrund hätten Ministerien als potentielle Arbeitgeberinnen überhaupt nicht auf dem Schirm, weiß Tiaji.

Im Moment bemühe sich das Team von DIVERSITRY vor allem darum, mehr Verbündete zu gewinnen und möglichst viele Menschen für das Thema zu sensibilisieren.

Im Moment bemühe sich das Team von DIVERSITRY vor allem darum, mehr Verbündete zu gewinnen und möglichst viele Menschen für das Thema zu sensibilisieren.

Doch Veränderungsprozesse lösen auch Widerstand aus. Diese Erfahrung hat die Gruppe schnell gemacht. Als Tiaji vor einigen Monaten das Programm der Diplomats of Color auf den Social- Media-Kanälen des Auswärtigen Amtes vorstellte, brach ein Shitstorm aus mehr als 1.000 rassistischen und sexistischen Hasskommentaren über die junge Frau herein.

Auch die AfD erkundigte sich Anfang des Jahres in einer Kleinen Anfrage im Bundestag nach den Aktivitäten von „Diplomats of Color“ in und außerhalb des Auswärtigen Amts und unterstellte Tiaji eine Haltung, die einer zur Neutralität verpflichteten Beamtin nicht angemessen sei.

Sie selbst äußert sich dazu – natürlich – diplomatisch: Die Kommentare seien „nicht gegen mich als Person gerichtet“, sondern würden „den Hass und die Unzufriedenheit einer Minderheit in Deutschland“ repräsentieren. Und die Antwort der Bundesregierung auf die AfD-Anfrage sei ein „klares Bekenntnis zu Diversität“ gewesen und damit „ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zum Ziel, die gesellschaftliche Diversität in Deutschland in Politik und Verwaltung angemessen repräsentiert zu finden“.

Gefragt, ob die Übersetzung der förmlichen Verwaltungssprache einfach bedeute, dass Diplomats of Color und das Netzwerk DIVERSITRY nicht einfach die Botschaft verkörpern, dass Menschen mit Migrationshintergrund künftig in allen gesellschaftlichen Bereichen ein größeres Stück vom Kuchen abhaben wollen und nicht wieder verschwinden werden, muss Tiaji lachen. „Klingt so. Aber eigentlich geht es nur darum, einem Viertel der Deutschen, Tendenz zunehmend, das ihnen zustehende Stück Kuchen zu gewähren.“

JoinPolitics ist überzeugt vom Ansatz des Teams, weil sie als politische Intrapreneure ideal aufgestellt sind, um eine Modernisierung der Verwaltung voranzutreiben. Mit dem Netzwerk DIVERSITRY können effizient Best Practices geteilt und umgesetzt werden. JoinPolitics wünscht sich mehr Talente wie Tiaji, Diba und Fabian, die andere junge Menschen inspirieren, den Weg in die Ministerien aber auch in die Parlamente zu gehen.

Mehr erfahren: www.diversitry.com

Mehr über unsere Talente