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Vom Planspiel zur Realität: Die stille Stärke demokratischer Zusammenarbeit

Was passiert, wenn Menschen aus unterschiedlichen Parteien fünf Tage zusammenkommen, um gemeinsam zu verhandeln, zu streiten und Lösungen zu suchen? In seinem Erfahrungsbericht aus dem JoinPolitics Bootcamp beschreibt Hakan Memis, warum Perspektivwechsel im politischen Alltag entscheidend sind.

Als wir im Planspiel zu den Koalitionsverhandlungen in „Argena“ saßen, wurde der Raum plötzlich still. Nicht wegen einer großen Rede. Sondern wegen einer scheinbar technischen Frage.

Wie organisiert man künftig Schwangerschaftsabbrüche in einer ländlichen Region, wenn durch eine Krankenhausreform das einzige konfessionslose Krankenhaus verschwindet?

Auf dem Papier war das ein Sachthema. In der Diskussion wurde schnell klar: Es ging um Weltbilder. Die einen argumentierten aus der Perspektive staatlicher Daseinsvorsorge. Andere aus institutioneller Stabilität. Wieder andere dachten zuerst an Finanzierbarkeit oder gesellschaftliche Akzeptanz. Niemand im Raum wirkte irrational. Genau das machte die Situation so kompliziert.

Das JoinPolitics Bootcamp der neunten Kohorte war voll von solchen Momenten. 

Fünf Tage lang kamen im Gutshof Woldzegarten in Mecklenburg-Vorpommern Menschen aus unterschiedlichen Parteien und Lebenswelten zusammen, um die Zusammenarbeit über Parteigrenzen hinweg praktisch zu erleben.

CDU, SPD, Grüne, FDP. Kommunalpolitisch Engagierte. Gründer. Studierende. Berufserfahrene. Menschen mit völlig unterschiedlichen politischen Sozialisationen.

Foto: Benjamin Jenak

Warum parteiübergreifend nicht automatisch harmonisch ist

Von außen klingt das oft harmonischer, als es tatsächlich ist. Denn parteiübergreifende Zusammenarbeit scheitert selten daran, dass Menschen sich persönlich nicht mögen. Sie scheitert daran, dass politische Prioritäten unterschiedlich entstehen. Wer jahrelang in einer Verwaltung gearbeitet hat, blickt anders auf Veränderung als jemand, der aus einer NGO kommt. Wer täglich erlebt, wie Unternehmen um ihre Existenz kämpfen, diskutiert anders über Regulierung als jemand, dessen Fokus auf sozialer Gerechtigkeit liegt.

Im Planspiel konnte man das fast körperlich beobachten. 

Wenn aus Tabellen Menschen werden

Besonders sichtbar wurde das in der Haushaltsdebatte. Um einen tragfähigen Haushalt aufzustellen, haben wir am Ende die sogenannte „Rasenmähermethode“ angewandt. Überall wurde gekürzt. Polizei. Wirtschaftsförderung. Kultur. Integrationsprojekte. Hochschulen. Alle mussten bluten.

Und plötzlich veränderte sich die Diskussion. Kürzungen wirkten auf dem Papier zunächst abstrakt. Dann lagen dort die O-Töne betroffener Menschen. Die Sozialarbeiterin, die ihr Jugendzentrum verlieren könnte. Der Theaterleiter, dessen freies Theater vor dem Aus steht. Die Polizeikommissarin, die über kaputte Technik und Überlastung spricht. Der Gründer, der ohne Förderung seine Investitionen stoppt.

Ab diesem Moment ging es nicht mehr um Tabellen. Ich habe dort etwas verstanden, das im politischen Alltag oft verloren geht: Hinter fast jeder politischen Position steckt eine Erfahrung, die für die jeweilige Person logisch und real ist. Viele Konflikte entstehen nicht aus bösem Willen. Sondern daraus, dass Menschen unterschiedliche Teile der Realität priorisieren.

Gerade in politischen Debatten ordnen wir andere Positionen schnell moralisch ein. Und übersehen dabei, welche Erfahrungen dahinter stehen können.

Im Bootcamp wurde mir klar, wie oft dahinter etwas anderes steckt. 

Manche vertrauen stärker auf staatliche Steuerung, weil sie erlebt haben, was passiert, wenn soziale Infrastruktur verschwindet. Andere reagieren sensibel auf Bürokratie und Regulierung, weil sie wirtschaftliche Verantwortung tragen oder Verwaltung aus der Praxis kennen. Wieder andere denken zuerst in Stabilität, weil sie politische Polarisierung als reale Gefahr erleben. 

Das macht Konflikte nicht kleiner. Aber verständlicher.

Kampagnenlogik vs. demokratische Zusammenarbeit

Der Storytelling-Workshop mit Julius van de Laar hat diese Dynamik auf eine andere Weise sichtbar gemacht. Er sprach viel über Kontrast. Über Reibung. Über die Kraft klarer Narrative. Gute Geschichten brauchen Gegenspieler. Sie brauchen Konflikte. Und er hatte recht damit. Politische Kommunikation funktioniert selten über Differenzierung. Aber genau dort entsteht ein Spannungsfeld.

Denn demokratische Zusammenarbeit folgt einer anderen Logik als politische Kampagnen. Eine Wahl gewinnt man oft durch klare Abgrenzung. Regieren funktioniert meistens nur über Ambivalenzfähigkeit. Das wurde im Bootcamp immer wieder spürbar.

Besonders interessant waren dabei nicht nur die offiziellen Sessions. Sondern die Gespräche danach. Beim Abendessen. Spätabends am Kamin. Dort merkte man, wie unterschiedlich politische Instinkte tatsächlich sind. Und trotzdem entstand zwischen vielen eine Form von persönlicher Wertschätzung. Nicht, weil man plötzlich derselben Meinung war. Sondern weil sichtbar wurde, dass hinter politischen Positionen oft ernsthafte Überzeugungen und Erfahrungen stehen. Genau darin liegt wahrscheinlich die eigentliche Stärke solcher Formate.

Parteien bewegen sich im politischen Alltag oft in ihren eigenen Räumen. Eigene Sprache. Eigene Narrative. Eigene Feindbilder. Irgendwann hält jede Seite ihre Perspektive für die einzig vernünftige Sicht auf die Welt. Das Bootcamp hat diese Unterschiede nicht aufgelöst. Aber es hat sie sichtbar gemacht, ohne dass der demokratische Rahmen verloren ging.

Die stille Stärke demokratischer Zusammenarbeit

Und vielleicht ist genau das heute wichtiger denn je. Nicht die Illusion von Harmonie. Sondern die Fähigkeit, politische Konflikte auszuhalten, ohne den anderen automatisch als Gegner der Demokratie zu betrachten.

Die Konflikte sind real: Bei Themen wie innerer Sicherheit oder sozialer Gerechtigkeit prallen oft fundamentale Vorstellungen davon aufeinander, wie Gesellschaft funktionieren soll.

Aber genau deshalb braucht Demokratie Räume wie JoinPolitics. Nicht weil dort Konflikte verschwinden. Sondern weil dort sichtbar bleibt, dass Zusammenarbeit trotz Konflikten möglich ist. Dass Perspektivwechsel keine Schwäche sind. Und dass demokratische Handlungsfähigkeit vielleicht genau dort beginnt, wo man aufhört, politische Unterschiede vorschnell moralisch zu sortieren.

Das klingt weniger heroisch als viele politische Narrative. Aber wahrscheinlich ist genau das die eigentliche Arbeit. Und vielleicht liegt genau darin die stille Stärke demokratischer Zusammenarbeit.